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Der Erbauer des Nürburgrings

Mit 88 Jahren fuhr sie zum letzten Mal über die Nordschleife des Nürburgrings. Ihr Vater Dr. Otto Creutz war der Erbauer der legendären Rennstrecke in der Eifel, er hatte in der „armen Zeit“ nach dem Ersten Weltkrieg die Idee, eine kreuzungsfreie Gebirgs-, Renn- und Prüfstrecke in der Eifel rund um die Nürburg zu bauen. Die Rennstrecke wurde 1927 mit dem Eifelrennen, das der Remagener Rudolf Caracciola gewann, eröffnet. Gisela Creutz war damals fünf Jahre alt, und sie ist mit mittlerweile 92 Jahren super fit.


Ihr Vater war der Erbauer des Nürburgrings

Ein Besuch in Pforzheim

Eine Dame im roten Kostüm empfängt uns in einem Haus in Pforzheim. Sie wohnt in einer geräumigen Wohnung im m Eifelrennen, das der Remagener Rudolf Caracciola gewann, eröffnet. Gisela Creutz war da Kreisverwaltung. Dann ging‘s nach Berlin, wo mein Vater im Innenministerium tätig war, bevor er Landrat in Adenau wurde. Es gab die Meldung, dass man bei Münstereifel eine Rennstrecke bauen wollte, um der armen Eifel – in Berlin nannte man sie ‚Preußisch Sibirien‘ – zu helfen. Über seine guten Verbindungen in die Hauptstadt Berlin konnte er erreichen, dass die Rennstrecke nunmehr im Kreis Adenau gebaut wurde, rund um die Nürburg. Der Ingenieur Gustav Eichler Ravensberg war der eigentliche Konstrukteur der damals 30 Kilometer langen Rennstrecke mit etwa 300 Meter Höhenunterschied. Mein Vater hatte die Idee, die Rennstrecke kreuzungsfrei zu bauen, die Rennwagen sollten nicht im hohen Tempo durch die Eifeldörfer fahren. Immer wieder fuhr er nach Berlin, um neues Geld für den Bau der Eifel-Rennstrecke zu bekommen. Bei der Einweihung im Juni 1927 war ich fünf Jahre alt.“

Wir sprechen nicht über den Tod des Landrates, aber Kurt Schumacher, Nürburgring-Historiker und Friseurmeister aus Müllenbach (südlich des Nürburgrings gelegen) hat ein Gedicht ausgegraben, dass bei der Beerdigung 1951 am Grab vorgetragen wurde, und liest es der alten Dame vor. Sie kannte es nicht.

Alben und “Neuzeit”

Dem Nürburgring ist Gisela Herbstrith, die den neuen Namen durch Heirat mit dem Pforzheimer Schmuckfabrikanten Theodor Herbstrith bekam, immer verbunden geblieben. Wenn Jubiläumsjahre waren, wurde sie von Dr. Walter Kafitz, dem langjährigen Geschäftsführer des Nürburgrings, eingeladen. Sie übernachtete im Dorint-Hotel und hielt es abends lange in der Cockpit-Bar mit den vielen Exponaten und Bildern aus der mittlerweile über 87 Jahre alten Nürburgringgeschichte aus. Dort traf sie auch Kurt Schumacher, der nunmehr das Gästebuch der Familie Creutz erwarb.

„Einmal musste ich feststellen, dass der Gedenkstein meines Vaters am Fuß des Dorint-Hotels mit Unkraut überwuchert war. Ich ließ mir eine Schere geben und schnitt alle dort befindlichen Gedenksteine frei. Es gab eine Beschwerde beim Dorint-Geschäftsführer Moret, und danach war die Gedenkecke immer gepflegt“, so Gisela Herbstrith. Sie hofft darauf, dass sie auch vom neuen Eigentümer eingeladen wird, wenn das 90-jährige Jubiläum in drei Jahren gefeiert wird.

Die Familienalben zeigen einzigartige Bilder aus der Ära Dr. Creutz, so eine Fahrt ihres Vaters auf der noch nicht geteerten Rennstrecke in einem Opel, ein Bild ihrer Eltern vor einem riesigen neuen Horch-Pkw oder Rudolf Caracciola im Fahrerlager; auch ein Bild, wo sie mit Eltern und Bruder Rolf in einem Strandkorb zu sehen ist, ist dabei. Es waren schöne und glückliche Jahre in ihrer Kindheit.

Resümee

Der Nürburgring ist die wohl bekannteste Rennstrecke in der Welt „mit Charakter“. Der Bau ist dem Landrat Dr. Otto Creutz zu verdanken. Es bleibt zu hoffen, dass die legendäre Rennstrecke auch nach den turbulenten letzten Jahren noch lange dem Motorsport erhalten bleibt. Übrigens, auch 1926/27 wurde das veranschlagte Finanzvolumen um ein Vielfaches überschritten, und die örtliche Presse hat trotzdem das einmalige Vorhaben unterstützt. Warum geht das heute nicht?

Zahlen und Fakten zum Nürburgring (Stand 1927)

ZAHLEN UND FAKTEN ZUM NÜRBURGRING (STAND 1927)

    • 1. Der Bau des Nürburgrings hat rund 6 Millionen Reichsmark gekostet (für Nordschleife mit 22,8 plus Südschleife mit 7,7 km Strecke).
    • 2. Im Sommer waren zwischen 2.000 und 2.500 Arbeiter gleichzeitig beschäftigt.
    • 3. Höchste Stelle der Bahn: 620 Meter am Start-und-Ziel-Platz
    • 4. Tiefste Stelle der Bahn: 320 Meter bei Breidscheid
    • 5. Länge der Bahn: Gesamtl.nge 28,265 km, Nordschleife 22,810 km,Südschleife 7,747 km, Start-und-Ziel-Schleife 2,292 km
    • 6. Breite der Bahn: Start und Ziel 20 m, Strecke 8 m
    • 7. Steigungen: bis zu 17 %, die Steilstrecke 27 %
    • 8. Gefälle: bis zu 11 %
    • 9. Zahl der Kurven auf der 28,3 km langen Gesamtstrecke: 89 Linkskurven, 85 Rechtskurven
    • 10. Engster Kurvenradius: rund 33 m (Karussell)
    • 11. Längste Gerade: 2,6 km (Döttinger Höhe bis Tiergarten)

Anmerkung: Die Summe 6 Millionen Reichsmark steht im Programm des Eröffnungsrennens,andere später veröffentlichte Quellen sprechen von 14 Millionen Reichsmark.

Caracciola gewann das Eröffnungsrennen

Das Eröffnungsrennen 1927 fand teilweise bei Regen statt. Gefahren wurde sowohl die Nordschleife als auch die Südschleife, Streckenlänge insgesamt 28,3 Kilometer. Der schwere Sportwagen Mercedes S (weißer Elefant) gewann mit Rudolf Caracciola und 96,5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit das erste Rennen auf der legendären Rennstrecke: Die hubraumstärkeren Sportwagen waren schneller als die leichten Rennwagen. Zweitschnellster war Christian Werner mit 92,57 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf einem Rennwagen. Hier zeigte sich schon, dass Rudolf Caracciola ein Ausnahmetalent war, schnell und materialschonend fahren konnte. Das Siegerfahrzeug ist heute im Besitz von Peterhans Kern aus Neuwied und wird von dem über 80-Jährigen bei Oldtimer-Veranstaltungen auch heute noch gefahren. Wenn der Mercedes einmal nicht auf Tour ist, dann steht er sicher im Nürburgring-Museum.

Eröffnungsrede: Nürburgring, die erste deutsche Gebirgs-Renn- und Prüfungsstraße für Kraftfahrzeuge im Kreise Adenau

„Nur zwei, aber ereignisvolle, mit nervenzermürbenden Kämpfen ausgefüllte Jahre sind vergangen, seit die ersten Pläne, im Kreise Adenau in der Eifel eine Automobilstraße zu bauen, greifbare Formen angenommen hatten. Wer heute seine Schritte zu dem fast vollendeten Bau des Nürburgrings gewandt und gesehen hat, was Menschenhand in unbegreiflich kurzer Zeit dort geschaffen, wird staunend darüber nachsinnen müssen, wie es möglich war, ein solches Millionenwerk von Weltbedeutung aus den Eifelbergen hervorzuzaubern. Nur ein geringer Teil derjenigen, welche das gewaltige Werk heute bewundern, werden im entferntesten darüber klar werden, welche übermenschliche Tatkraft und Arbeitslust, welch Berge versetzende Energie hier den dornenvollen Weg zum vorgesteckten Ziel gebahnt und gefunden. Gewiss, nur die ganz besonderen Verhältnisse auf dem trostlos darniederliegenden deutschen Arbeitsmarkt schafften die Voraussetzungen für Bereitstellung der erforderlichen billigen Arbeitskräfte, und nur im Rahmen der gesetzlich geregelten produktiven Erwerbslosenfürsorge war es überhaupt denkbar, die Mittel für ein Werk aufzubringen, das in der ganzen Welt einzig dasteht. Trotzdem bedurfte es hier der unermüdlichen und gewandten Verwaltungsbeamten, die erforderlichen umfangreichen Denkschriften so überzeugend auszuarbeiten, dass trotz schwerster Bedenken überraschend schnell die zuständigen Ministerien einem bedeutungslosen und „kreditunwürdigen“ Kreise die Mittel für ein Werk bereitstellten, über dessen Wert oder Unwert nicht einmal eine einmütige Ansicht vorherrschte. Es waren nur wenig Getreue, auf die sich der Landrat Dr. Creutz in diesem aufreibenden Kampfe für seinen Kreis verlassen konnte. Umso dankbarer muss anerkannt werden, dass in weitschauender Weise Führer der Provinz- und Landesverwaltung die außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung dieses verwegenen und wahrlich nicht alltäglichen Planes für den Kreis Adenau erkannten. Es ist selbstverständlich, dass der Gedanke, durch den Bau einer Automobil-Rennstrecke bessere Lebensbedingungen für die hart um das kärgste Brot ringenden Eifelbewohner zu schaffen, von außen in den Kreis Adenau hineingetragen werden musste.“

Gedenkstein für Dr. Otto Creutz

Am 27. September 1925 wurde der Grundstein zum Nürburgring gelegt. 77 Jahre später gedachte man des Mannes, der mit visionärem Mut und energischer Tatkraft den Bau durchsetzte und damit den Menschen in der Eifel eine bessere wirtschaftliche Perspektive schuf: Dr. Otto Creutz, Landrat des damaligen Kreises Adenau. Luki Scheuer, bekannter Journalist und Ring-kenner, schrieb in einem Artikel in der Rheinzeitung: „Die Geschichte meint es mit denen, die sie schreiben, nicht immer gut. So ist es auch bei Dr. Otto Creutz, dem ‚Vater des Nürburgrings‘. Es gab Zeiten, da wurden die historisch belegbaren Verdienste des letzten Landrates des Kreises Adenau einfach verschwiegen, wurden andere als Nürburgring-Erbauer hochgejubelt, weil Creutz nicht ins Bild der damaligen Machthaber passte, weil er sich den Nazis nicht anpasste. Der Mann, dem die Eifel so viel verdankt, sollte totgeschwiegen werden. Dass er bei der Bevölkerung dennoch immer in guter Erinnerung war, belegt eine kunstvoll gefertigte Urkunde mit den Unterschriften von 250 Adenauer Bürgern, die ihm bei seinem Abschied nach der Auflösung des Kreises Adenau im Jahr 1932 überreicht wurde. Und auch die große Anteilnahme der Bevölkerung und die ehrenden Worte, die 1951 bei seiner Beisetzung auf dem Adenauer Friedhof gesprochen wurden, sind Zeichen dafür, dass Dr. Otto Creutz seinen Platz in der Geschichte und in den Herzen hat. Das wurde jetzt mit der Enthüllung einer Gedenktafel an den Nürburgring-Erbauer erneut deutlich. Für diesen Akt hätte sich Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Kafitz kein besseres Datum aussuchen können als den 77. Jahrestag der Grundsteinlegung für die Rennstrecke. Und er hätte keinen besseren, würdigeren und aufgeschlosseneren Ehrengast einladen können als Gisela Herbstrith, geborene Creutz, die Tochter von Dr. Otto Creutz. Von ihrem 290 Kilometer entfernten Wohnsitz Pforzheim ist die 80-jährige Dame angereist, im eigenen Auto, bei strömendem Regen und einen Tag vor der Feier zu Ehren ihres Vaters. Sie ist im Traditionshaus ‚Zum Wilden Schwein‘ abgestiegen. ‚Da gingen meine Eltern auch hin.“

Artikel von www.curbs.de/curbs