Magazin Cover
Stories
KÖLN, WIE ES LEIBT UND LEBT…

Vor 25 Jahren: Heinz Stüber erinnert sich an einen besonders „jecken“ Einsatz für die Dom-Stadt bei den 24h Nürburgring 1991 –„Et Team för Kölle“.


„Et Team för Kölle“

Es gibt so herrliche, typische Kölner Sprüche, die gleichzeitig – und das ist eine Besonderheit – ebenso viel- wie nichtssagend sein können. Es ist schon „die hohe Kunst“ Kölner Redensarten, dass sie die Dinge so antippen, dass sie – häufiger auch irgendwie – in Gang kommen, ohne dass die Details in jedem Einzelfall wirklich konkret zu Ende gedacht gewesen wären oder sich hernach der eine oder andere – „da sei Gott vor“ – tatsächlich noch wirklich verpflichtet gefühlt hätte, beispielsweise eine Sache auch ganz ordentlich zu Ende zu bringen.

Das kann in der Regel wiederholt mit dem Spruch „Dat is doch alles ja keen Problem“ („Das ist doch alles gar kein Problem“) beginnen, geht über „Man kennt sich, man hilft sich.“ – die Frage ist dann nur, zu welchem Zweck und für wen –, „Ich kenne einen, der kennt einen, der kann das besorgen.“ und mündet am Ende nicht selten in „Dat sacht mir jetz nix.“ („Das sagt mir jetzt nichts“). Selbst wenn sich vorher noch jemand konkret festgelegt hatte, wollte er es dann nachher nicht gewesen sein. In der folgenden Geschichte ist von allem ein bisschen drin. Heinz Stüber, einer der Hauptbeteiligten an der Vorbereitung, im Management des Projekts und einer der drei Fahrer, erinnert sich, nicht ohne dabei gewisse „i-Tüpfelchen zu setzen.

Die Idee, schon mehr als eine fixe, wurde im Dezember 1990 bei einem Abendessen auf der Jahres- Abschluss-Feier der Sportfahrergemeinschaft Köln im Kölner Merkur-Hotel geboren. Das „berühmte“ Datum „11.11., 11 Uhr 11“, zu dem alljährlich in Köln auf dem Altermarkt die Karnevals-Session offiziell eröffnet wird, lag gerade hinter allen. Das ist eine Zeit, in der der Kölner sämtlich Antennen ausfährt, auf Empfang hat und auf jeden Fall auch für jeden Spaß zu haben ist – „gelobet sei, wat jeck is“, zwei, drei Kölsch reichen dann vollkommen.

„NIE ZUVOR HATTE SICH EINE STADT BEI DEN 24H NÜRBURGRING PRÄSENTIERT“

Armin Lorenzen, unter anderem ehemals erfolgreicher Fahrer im Renault-5-Pokal zu Zeiten auch eines Christian Danner dort, präsentierte im Merkur-Hotel Heinz Stüber, in jenen Tagen mit einem Gruppe H-VW-Golf I im Langstreckenpokal Nürburgring erfolgreich und beruflich als Versicherungsexperte auch permanent verkäuferisch unterwegs, und Jürgen Faith, Inhaber einer Werbe-Agentur, auf einem Zettel die Zeichnung eines Renntourenwagens in den Kölner Stadtfarben rotweiß im Hinblick auf das 24h-Rennen Nürburgring. „Das wäre doch einmal ein Ding, so etwas auf die Beine zu stellen“, unterstrich Lorenzen. „Was haltet Ihr davon?“ Noch ein Kölsch – auch die anderen beiden waren Feuer und Flamme. „Noch nie zuvor“, verdeutlicht Heinz Stüber, „hatte sich ja eine Stadt bei den 24h Nürburgring präsentiert.“

Anfangs waren sich die Drei aber gar nicht so sicher, ob sich das wirklich umsetzen ließe, aber Köln ist auch eine Stadt, „wo mer stolz drop sin.“ (eine Stadt, „auf die alle stolz sind.“). Ein gewisser Mitmach-Effekt in diesem Sinne konnte vorsichtig einkalkuliert werden, und Karneval war eh gerade wieder. So wählten sie als erste Anlauf-Station für das Projekt das Presse- und Informationsamt der Stadt Köln, wo seinerzeit Henning von Borstell als Leiter das Sagen hatte. Große Hoffnungen machten sie sich nicht, aber dann überlegte von Borstell hin und her und sagte schließlich: „Ja, wir haben schon einmal einen Heißluft-Ballon gesponsert – ich biete Euch 5.000 DM an, Ende der Durchsage.“

Ein Anfang war gemacht, aber die Bäume wuchsen offenbar nicht in den Himmel – „nur 5.000?“ Die Werbetrommel musste doch kräftig weiter gerührt werden. Inzwischen hatte Jürgen Faith eine sehr ansprechende Pressemappe erarbeitet, nach deren Studium auch Peter Geishecker, ebenfalls waschechter Kölner, ehemals Präsident der Sportfahrergemeinschaft Köln und seinerzeit Rennleiter der 24h Nürburgring, jede Unterstützung des Projekts im Rahmen seiner Möglichkeiten zusagte: „Jungens, das ist eine gute Idee, Ihr kriegt auch Startnummer Elf…“ – natürlich die Elf!

„HARTNÄCKIGKEIT ÜBER DIVERSE VORZIMMER“

„Als Nächstes nahmen wir uns in der weiteren Akquise einen regelrechten Brocken vor, wir waren jetzt gezwungen, in der Finanzierung einen erheblichen Schritt weiter zu kommen“, erzählt Heinz Stüber. „So gingen wir auf Reiner Mühlhausen, seinerzeit Manager des Maritim-Hotels Köln zu. Das war dann auch gar nicht einfach, hier zahlte sich aber unsere Hartnäckigkeit über diverse Vorzimmer letztlich noch überraschend aus. Gegen einen deutlichen Betrag konnten wir die hinteren beiden Wagenflanken als Sponsor-Fläche für das Maritim- Hotel Köln verkaufen!“

Nun stieg die Motivation im Team – „Et Team för Kölle“ („Ein Team für Köln“) – gewaltig, man befand sich in den Vorbereitungen auf der Erfolgsspur, die Akzeptanz der Sache draußen wuchs. Event-Manager Horst Müller, Schwager des damaligen Geschäftspartners Heinz Stübers, sagte seinen Veranstaltungs-Service und die Gestellung diverser Kölner Mundart-Künstler, wie beispielsweise Peter Horn (Ex-Lead-Sänger der „Höhner“), Marita Köllner („Et fussich Julche“), die „3 Söck“, eines Michael Jackson-Imitators und eines Marylin Monroe-Doubles sowie die Kosten-Übernahme für deren Auftritte anlässlich der später im Kölner- Maritim-Hotel angesetzten Team- Präsentation zu.

„Weil das Presse- und Informationsamt der Stadt Köln involviert war,“ so Heinz Stüber weiter, „gewannen wir auch das Amt für Wirtschaftsförderung – für das Wagendach – sowie den Flughafen Köln-Bonn für die Motorhaube. Und aufgrund dieser Interessenslage wiederum und der Bereitschaft vieler in Köln ansässiger Unternehmen, dabei zu sein, ließ sich dann auch eine Kölner Brauerei nicht lumpen, nicht nur mit einem ansehnlichen Sponsorbeitrag, sondern auch mit einer erheblichen Anlieferung ‚kölschen Wassers‘ dazu beizutragen, dass die Stimmung im Team immer oben blieb. Letzteres hatte dann aber später auch noch ein gewisses Nachspiel…“

„Dann bekamen wir ihn beinahe nicht mehr aus dem Rennsitz heraus…“ Und nicht zuletzt gestattete der berühmte Volksschauspieler und Chef des gleichnamigen Theaters in Köln, Willy Millowitsch, dass sein Konterfei auf das Auto geklebt werden durfte. „Noch kölscher ging es ja dann nicht mehr“, erzählt Stüber. „In seinem Fall ging es uns aber nicht um Geld, das war uns eine Ehre, dass wir auch für ihn werben durften. Es kam auch noch zu einem speziellen Fototermin am Kölner Dom mit Willy Millowitsch, wobei sich der seinerzeit 82-jährige alte Herr ziemlich begeistert zeigte und es sich nicht nehmen ließ, hinter dem Lenkrad Platz zu nehmen. Und dann bekamen wir ihn beinahe nicht mehr aus dem Rennsitz heraus…“

Es war von vornherein auch immer selbstverständlich klar, dass der beim 24h-Rennen eingesetzte Rennwagen auf einem Kölner Produkt basieren musste. Das bedeutete automatisch – Ford. „Wir hatten sogar noch bei Ford-Sportchef Lothar Pinske um Unterstützung angefragt, der uns aber seinerzeit nichts anbieten konnte“, weiß Heinz Stüber noch. „Armin Lorenzen hatte uns dann für den Aufbau eines Ford Sierra Cosworth Gruppe A – wärmstens – einen Ford-Tuner aus Rommerskirchen bei Köln ‚ans Herz gelegt‘, weil er von dessen Tuningkünsten ‚absolut überzeugt‘ wäre.“ Der hatte dann schließlich auch das Auto aufgebaut…

„Aufgrund inzwischen zahlreicher Publikationen in Tages- und Fachpresse wurden wir auch immer wieder ganz überraschend von uns bis dato nicht persönlich bekannten Rennfahrern angesprochen,“ so Stüber weiter, „wie beispielsweise vom Schwimm-Welt- und Europameister Rainer Henkel, der sich seinerzeit auch im Porsche Carrera Cup versuchte. Bei der großen Party anlässlich der Präsentation des Teams im Kölner Maritim-Hotel sprach er uns an, er hätte einen Sponsor, so dass es kein Problem gäbe, dass er der dritte Fahrer im Auto werden könnte. Es wurde ein Problem – er hatte keinen Sponsor. ‚Aber ich habe doch für PR gesorgt‘, bekundete er dann noch. Aber wir wollten auch Prominenz ohne Geld nicht fahren lassen.“

„DIE BREMSEN WAREN EINE KATASTROPHE!“

Das Team ging auf die Suche nach einem dritten Fahrer, „der auch ins Team passte und nach Möglichkeit rheinisch verrücktes Gedankengut mittrug. Leider musste Edgar Dören wegen anderer Verpflichtungen bei genau diesem Rennen absagen. Wir fanden dann erfreulicherweise in Michael Hess, Junior-Chef von KRAFFT Walzen in Düren und seinerzeit gerade auch erfolgreich mit einem Ford Sierra Cosworth in der DTC am Start, sogar einen sehr geeigneten dritten Mann für das Cockpit.“

Ausgerechnet als die Tests des Sierra Cosworth Gruppe A auf verschiedenen europäischen Rennstrecken anstanden, wurde Heinz Stüber wochenlang durch eine Windpocken- Erkrankung außer Gefecht gesetzt, Armin Lorenzen und Michael Hess fuhren sie allein. „So war dann meine Überraschung unangenehm groß, als ich beim Training zum 24h-Rennen am Nürburgring zum ersten Mal das Auto fuhr“, erzählt Stüber. „Armin Lorenzen warnte mich noch, ‚Pass auf, das Auto ist ein Biest, der Turbo setzt schlagartig ein.‘, aber das war es gar nicht – die Bremsen waren eine Katastrophe! Bremskraftverteiler und Bremskraftregler waren komplett unterdimensioniert – wie sich nach dem Rennen herausstellte -, sie bauten keinen optimalen Bremsdruck auf – und dann Nordschleife…“

Dafür bot das Team in der Startaufstellung eine Show mit Clowns, Cologne Crocodiles, hübschen Cheerleadern und Michael-Jackson-Imitator, wie der Nürburgring sie noch nie gesehen hatte. Im 24-Stunden-Rennen dann schlugen sich Armin Lorenzen/Michael Hess/Heinz Stüber mit den im Grunde unbrauchbaren Bremsen so gut durch, so gut es ging. Als sie am Sonntagmorgen bereits in aussichtsreicher Position lagen, musste ein defekter Turbolader getauscht werden. Trotz allem wurden sie Zweite in der Klasse und sehr achtbare 30. im Gesamtklassement. „Unser Tuner aber hatte sich nach nur zwei Rennstunden im ‚Dom-Kölsch‘-Bus im Fahrerlager bereits so abgefüllt, dass er fortan nicht mehr zu gebrauchen war“, berichtet Heinz Stüber. „Selbst Peter Geishecker kam nach dem Rennen zu uns und gratulierte: „Das war supertoll, was Ihr geboten habt, aber tut mir bitte einen Gefallen: Nehmt beim nächsten Mal für den Einsatz Eures Autos jemand anderen…!“

„VON EINEM INSGESAMT NAHEZU SECHSSTELLIGEN SPONSORENGELD WAR KEINE EINZIGE DM ÜBRIG“

Dann stand die Abrechnung des Ganzen an, und fortan kümmerte sich Armin Lorenzen um absolut nichts mehr. „Jürgen Faith und ich hatten alles allein an der Backe,“ so Stüber, „und konnten Gott sei Dank feststellen, dass nichts mehr offen war. Das hätte aber auch gar nicht sein dürfen, denn von einem insgesamt nahezu sechsstelligen Sponsorengeld war nachher komischerweise nicht mehr eine einzige DM übrig – und das bei einem so schlechten Auto…“ Und alle drei hatten sich eigentlich geschworen, nie mehr etwas mit dem Tuner aus Rommerskirchen auf die Beine zu stellen. „Aber sechs Wochen später, beim nächsten VLN-Lauf auf dem Nürburgring, wo ich wieder im Gruppe-H-Golf antrat, stand dann auf einmal ‚unser Cossie‘ im Original-Outfit zwei Startreihen vor mir – mit Armin Lorenzen am Lenkrad!“, ergänzt Heinz Stüber noch. „Im Rennen lag ich dann 50 Meter hinter ihm, im Windschatten eines direkt vor mir fahrenden Klassenkonkurrenten, als sich Lorenzen in der ‚Herbert-Müller-Gedächtnis-Kurve‘ plötzlich drehte und quer zur Fahrtrichtung die Breitseite bot – wir beiden kamen so gerade noch über die Grasnarbe an ihm vorbei. Sonst hätte ‚Et Team för Kölle‘ noch ein böses Ende nehmen können…“

Artikel von www.curbs.de/curbs