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Der Drogenschmuggel bei IMSA

Seit Ende der 70er Jahre kursierte für die IMSA ein Spitzname, der den Organisatoren ganz und gar nicht gefiel. Einige Privatrennfahrer tauchten in kurzen Abständen immer mit den neuesten und teuersten Modellen an der Rennstrecke auf. Verwunderlich war oft, dass sie keinen Sponsor benötigten. Hatten die Fahrer alles aus eigener Tasche bezahlt? In gewisser Weise schon! Doch die Art und Weise, wie sie ihr Geld verdient hatten, gefiel John Bishop, dem Chef der IMSA, ganz und gar nicht.


Durch Drogenschmuggel bekam IMSA den Spitznamen „International Marihuana Smugglers Association“

Die amerikanische GT und Sportwagenelite trat in den 70er und 80er Jahren in Rennserien unter der Schirmherrschaft der IMSA gegeneinander an. Auf die Ära der IMSA GT, in der GR. 5-Wagen wie der Porsche 935 das Zepter in der Hand hielten, folgte 1981 die Ära IMSA GTP. Sportprototypen, die im wesentlichen den Bestimmungen der neuen GR. C folgten, waren jetzt an der Tagesordnung. Den GR. 5-Wagen wurde noch eine Gnadenfrist zugestanden. Auf den klassischen amerikanischen Naturrennstrecken wie z.B. road Atlanta, Lime Rock Park, Mid Ohio und Laguna Seca, wurde den fans erstklassiger Sportwagensport geboten. Allgemeinhin werden beide Phasen in der amerikanischen Sportwagenmeisterschaft nur kurz mit dem Kürzel „IMSA“ zusammengefasst. Das steht für „international motor sports association“.
Die IMSA-Serie kämpfte zeitweise mit dem wenig ehrenvollen Spitznamen „International Marihuana Smugglers Association“. Einige Fahrer hatten sich durch Drogenschmuggel – und somit letztendlich durch die Sucht Dritter – ihren Motorsport finanziert. „Es war schon eine gefährliche Zeit. Im Fahrerlager kursierten viele Gerüchte und man wusste, mit wem man sich besser nicht anlegt. Einige Piloten hatten zur Sicherheit einen Revolver in der Reisetasche“, sagte der ehemalige IMSA-Pilot und heutige Journalist Michael Keyser.

Randy Lanier

Randy Lanier war ein wohlhabender Mann und 1984 der Champion in der IMSA Camel GTP-Meisterschaft. In einem March 84G – Chevrolet verwies er Top-Fahrer wie Al Holbert, Derek Bell, Bob Akin im neuen Porsche 962 auf die Plätze. Lanier verfügte über erstklassiges Material und eine fähige Mannschaft. Der Titel 1984 war sein größter Erfolg.

Anfang der 1960er Jahre zog er mit seinen Eltern nach Florida. Als Jugendlicher kam er schnell mit der Marihuana-Party-Szene in Kontakt. Florida war zu dieser Zeit sehr offen und die Flower-Power-Bewegung propagierte die Legalisierung von Drogen und die freie Liebe. Irgendwann kam der Punkt, an dem Randy Lanier nicht nur konsumierte, sondern auch gefragt wurde, ob er nicht auch Drogen besorgen könne. Auf den Verkauf von kleinen Päckchen folgten immer größere Pakete.


„Etwa sechs Monate nach dem ersten Verkauf von Gras-Tütchen wurde ich gefragt, ob ich nicht daran interessiert sei, mit einem Boot auf die Bahamas zu fahren, um größere Mengen zu schmuggeln. Es war für mich wie ein Abenteuer. Also machte ich es.“ Nicht nur, dass es ein Abenteuer war, es war für ihn auch eine günstige Einnahmequelle. Die Touren auf die Bahamas häuften sich seit dieser Zeit. Zur Tarnung betrieb Randy Lanier einen Jet Ski-Verleih, aber das Schmuggeln nahm im Hintergrund immer größeren Raum ein.


Zum Motorsport kam Randy Lanier eher zufällig. „1979 ging ich zu einer Auto-Show in Miami und die SCCA (Sportscar Club of America) hatte dort einen Stand. Ich dachte, ein bisschen Rennen fahren wäre ganz nett. Es sollte nur ein Hobby sein, etwas, was nebenher läuft“, erklärte er im Interview. Nach der Lizenz kaufte er sich einen alten, rostigen Porsche 356 aus dem Jahr 1957. Daraus machte er einen einfachen Rennwagen, startete damit bei einem Amateurrennen in West Palm Beach und gewann. Danach war er infiziert und wollte mehr. Doch „mehr Motorsport“ kostete auch mehr Geld. Für Randy Lanier war das kein Problem.

Ende der 70er stellte Florida so etwas wie eine Hochburg für Marihuana-Schmuggler dar. Über 1000 Kilometer Küste, viele kleine Buchten und tropisches Marschland wie die Everglades boten ideale Bedingungen für den illegalen ungestörten Transport. Böse Zungen behaupteten, dass Drogenhandel in den 70er Jahren in Florida fast eine Art „Volkssport“ gewesen sei. Ungefährlich war das nicht, weil Banden wie die „Black Tuna Gang“ ihre Reviere verteidigten – zur Not auch mit Waffengewalt. Randy Lanier schloss sich mit Ben Kramer zusammen, einem Speedboot-Fahrer, der die Geschwindigkeit genauso liebte wie er. Die Boote wurden im Laufe der Zeit schneller und größer. Später hatten Lanier und Kramer eine Flotte von mehreren Schleppern im Einsatz, die auch kleine Bargen schoben. Das Marihuana versteckten sie in den Ballasttanks. Zum Schein wurden legale Güter transportiert. Im Laufe der Jahre wurden so angeblich 300 Tonnen Marihuana nach Florida geschmuggelt.

Als Rennfahrer hatte sich Randy Lanier meist in unterschiedliche Teams eingekauft. 1984 formierte er für sich das „Blue Thunder Racing-Team“, kaufte zwei brandneue March 84G, ließ nach jedem Rennen von Ryan Falconer neue Chevrolet-Motoren bauen und wies seinen Team-Manager Keith Leyton an die besten Mechaniker anzuheuern – koste es, was es wolle. Als zweiten Fahrer engagierte er Bill Whittington, der auch über reichlich Geld verfügte. Beim 12-Stunden-Rennen in Sebring belegten sie den zweiten Platz. Oben auf dem Podium standen sie zum ersten Mal beim Lauf Riverside. Weitere Siege folgten in Laguna Seca, Charlotte, Sears Point und Michigan. Randy Lanier gewann 1984 den Fahrertitel der IMSA GTP-Meisterschaft. „Das waren fabelhafte Tage“, erinnerte sich Lanier im Interview. Während die Schiffe zwischen der Karibik und Florida pendelten, folgte er mit seiner Familie im großen Motorhome dem Rennzirkus. Schon zu dieser Zeit fragten sich viele, woher jemand, der eine kleine Jet-Ski Firma betreibt, ohne Sponsoren und sonstige Unterstützung dieses Budget nehmen kann. Auch das FBI fragte sich das.


Zwei Jahre später hatte Randy Lanier seine Augen auf das Indy 500 gerichtet und unterschrieb bei Frank Arciero einen Vertrag für die Saison 1986. Wenige Wochen vor dem Indy 500 wurden sein ehemaliger Teamkollege Bill Whittington wegen Drogenschmuggels und Steuerhinterziehung festgenommen. Ein Journalist schrieb damals: „Randy Lanier ist als ehemaliger Teambesitzer in einer unangenehmen Position, da sein ehemaliger Kollege Whittington sich durch Drogenschmuggel in sein Team eingekauft hatte.“ Lanier bestritt vor der Presse, davon etwas gewusst zu haben, was Lanier auch heute noch behauptet. Vielleicht gab es Vermutungen – aus eigener Erfahrung.


Mitte der 80er Jahre hatte US-Präsident Ronald Reagan dem Drogenhandel den Kampf angesagt. Die Zeiten hatten sich geändert. Das spürte auch Randy Lanier und plante für Herbst 1986 seinen letzten Transport – den größten bisher- um sich danach aus dem Geschäft zurückzuziehen. Insgeheim hoffte er, ungestraft davonzukommen und sich von da an auf seine Karriere als Rennfahrer konzentrieren zu können. Am 2. August 1986 platzte ihm beim Indycar-Rennen in Michigan bei 340 km/h ein Reifen. Der Einschlag war so hart, dass er sich den Oberschenkelhalsknochen brach. Kurz danach wurde er verhaftet und 1987 vor Gericht beschuldigt, Kopf eines Drogenkartells zu sein, in das elf weitere Personen verwickelt seien. Er kam auf Bewährung frei und flüchtete auf einem seiner Boote in die Karibik, wo das FBI ihn einige Zeit danach wieder schnappte. Lanier galt damals als einer der größten Drogenbarone Mitte der 80er Jahre, die dem FBI damals ins Netz gegangen waren. Bei der Verurteilung wurde Lanier und Kramer prophezeit, dass sie wohl nie wieder das Tageslicht sehen würden. Beide bekamen „lebenslänglich“. Ihm erschien es wahrscheinlich, dass er im Gefängnis eines natürlichen Todes sterben würde.

Doch im Herbst 2014 verließ Randy Lanier nach 27 Jahren Haft das Coleman-Gefängnis in Florida und war wieder ein freier Mann, denn zuvor hatte der Amtsrichter Phil Gilbert ein Gutachten für seine vorzeitige Entlassung unter Auflagen unterzeichnet. Reue und inneren Frieden hatte Lanier nach eigener Aussage im Gefängnis mit Sport, Malerei und Yoga finden können.

Die Whittington Brüder

Und da wären noch die Whittington-Brüder Bill, Don und Dale zu nennen. Auch sie schmuggelten Marihuana, um ihre Rennaktivitäten zu finanzieren. Don und Bill Whittington waren keine Spitzenpiloten. Es reichte aber, um als Paydriver regelmäßig auf gute Autos zu kommen. In Europa und in Deutschland wurde die Brüder Bill und Don durch den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1979 zusammen mit Klaus Ludwig auf dem Kremer Porsche 935 K3 bekannt. Ihre Vergangenheit im Drogengeschäft wurde in Deutschland allerdings mit folgender Anekdote bekannt: Ludwig war auf dem Kremer-Porsche 935 in Le Mans als Top-Pilot gesetzt und fuhr 10 Sekunden schneller als Don und 18 Sekunden schneller als Bill Whittington. Es stand damit außer Frage, dass die Chance auf eine gute Platzierung im Gesamtklassement gering war. Deshalb sollte der junge Roisdorfer auch den Start fahren. Bill Whittington sah das anders. Er wollte den Start fahren. Manfred Kremer lehnte das entschieden ab, bis Bill ihn plötzlich ernsthaft fragte, was das Auto kosten würde. Erwin und Manfred Kremer berieten sich kurz und nannten den Preis: 290 000 Dollar! Bill ging in die Box und kam mit einem Koffer zurück. Die erstaunten Kremer-Brüder willigten ein und hatten in der Geschichte des 24-Stunden Rennens von Le Mans den bisher größten Deal in der Startaufstellung gemacht – vermutlich ein bis heute unerreichter Rekord. Bill Whittington hatte sich kurzerhand seinen Willen erkauft. Ein ungläubiger Klaus Ludwig musste das Cockpit kurz vor dem Start räumen. Im Laufe der 24 Stunden strauchelten die favorisierten Sportwagen von Porsche, Rondeau, Welter und die Mirage–Ford. Ludwig und die Whittington Brüder rutschten dank der Fabelzeiten von Klaus Ludwig bis an die Spitze. Mit sieben Runden Vorsprung gewannen sie 1979 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans.


Bill, Don und Dale Whittington starteten am Ende der 70er bis zur Mitte der 80er Jahre in der IMSA regelmäßig auf diversen Porsche 935, meistens mit mäßigem Erfolg. Obwohl Don der schnellere der drei Brüder war, feierte Bill zusammen mit Randy Lanier in der IMSA 1984 die größeren Erfolge. Alle drei Brüder starteten 1982 und 1983 auch beim Indy 500. Sie sind damit das einzige Geschwister-Trio, was in der Geschichte des Rennens an den Start ging, obgleich sie wenig Oval-Erfahrung hatten. Bereits in der Einführungsrunde kollidierten Kevin Cogan und Mario Andretti. Das gesamte Feld bremste ab und versuchte den Wracks auszuweichen. Dale Whittington verlor dabei die Kontrolle über seinen March und schoss Roger Mears, den älteren Bruder von Rick, ab. Vor dem Neustart kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Mears, Dale und den beiden anderen Whittington Brüdern. Er drohte damit, ihre angeblichen Drogengeschäfte auffliegen zu lassen. Schon damals kursierten Gerüchte über ihre Machenschaften, weil sie angeblich auch einige Fahrer mit Marihuana versorgten.


Die US-Behörden hatten mittlerweile auch die drei Brüder im Auge. Ermittlungen belegten ihre Aktivitäten im Drogengeschäft. 1986 wurden Bill und Don wegen Drogenhandel und Steuerhinterziehung angeklagt. Bill bekannte sich schuldig und wurde zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren und einer Geldstrafe von umgerechnet 7 Millionen US Dollar verurteilt. Ein Jahr später bekannte sich auch Don für schuldig und bekam eine vergleichsweise geringe Strafe von 18 Monaten, weil sein Bruder gestanden hatte. Don wurde 1988, Bill 1990 vorzeitig entlassen. Dale Whittington wurde nie angeklagt und fuhr in den 90er Jahren wieder Sportwagenrennen. 2003 starb er an einer Überdosis Heroin. Die Whittington-Brüder hatten seit Anfang der 90er Jahre in Fort Lauderdale ihre eigene Learjet-Airline mit den Namen „easy Jet“ aufgebaut. Anfragen zu ihrer Vergangenheit beantworten die Whittingtons beharrlich bis heute nicht – auch für diesen Artikel nicht.

John Paul sr. und John Paul jr.

Die Abgründe hinter John Paul sr. flogen Mitte der achtziger Jahre auf. In der amerikanischen IMSA war er bekannt unter dem Spitznamen „der alte Pirat“. 1939 wurde er in den Niederlanden als Johan Lee Paul geboren. Während der nationalsozialistischen Besatzung musste die Familie viele Entbehrungen ertragen. Als John Paul sr. 15 Jahre alt war, wanderten seine Eltern in die USA aus und ließen sich in Munice, Indiana nieder. Auf das Studium an der Ball University folgte ein begehrtes Stipendium an der Harvard Universität. Als Immobilienmakler, Investment-Banker und Börsenmakler hatte er sich 1970 bereits ein Millionenvermögen verdient. Im selben Jahr verließ ihn seine erste Frau Joyce und nahm den 1960 geborenen Sohn John Paul jr. mit nach Indianapolis.


John Paul sr. Leidenschaften waren das Segeln und die Autorennen. Mitte der 70er Jahre wurde der Name John Paul Sr. auch mehr und mehr im amerikanischen Motorsport bekannt. Schon damals fiel auf, dass er mit seinem Team JLP-Racing in kurzen Abständen, mitunter innerhalb einer Saison verschiedene Rennwagen allererster Güte an den Start brachte. 1977 war es ein Porsche 911 RSR, Ende jener Saison startete er mit einen Chevrolet Monza in der IMSA. Ein Jahr später war es eine brachiale Protofab Chevrolet Corvette C3, die noch während der Saison 1978 zugunsten des neusten Porsche 935 Modells aus Zuffenhausen eingemottet wurde. Auch in den Jahren danach war der JLP Porsche 935 technisch immer auf dem neusten Stand. Und auch hier fehlte auf dem gelb-babyblauen Design ein Hauptsponsor – ein Phänomen, das bei fast allen Drogenbaronen in der IMSA erkennbar ist. John Paul sr. gehörte nicht unbedingt zu den schnellsten Fahrern im Feld, aber er war konstant und das trug zu diversen Erfolgen in der IMSA und in der TransAm- Serie bei.
Sein Team war in Lawrenceville im Bundesstaat Georgia beheimatet. Der Transporter war stets schwarz lackiert. Böse Zungen behaupteten damals, dass er John Paul Sr. Charakter repräsentieren würde. Im Fahrerlager war „der alte Pirat“ unter Rennfahrerkollegen nicht sonderlich beliebt. Arrogant, herablassend, temperamentvoll, streitsüchtig und bestimmend – so beschrieben ihn Zeitzeugen noch heute. Sein Sohn John Paul jr. wuchs mit der Zeit in das Team hinein. Anfangs war er das „Mädchen für alles“ und musste gegenüber seinem Vater immer mit „Ja, Sir.“; „Nein, Sir.“ parieren. Er zuckte genauso wie die JLP-Crew zusammen, wenn der Teamchef wütend diktatorisch Anweisungen gab. Seine ersten Rennen bestritt John Paul jr., natürlich finanziert durch den Vater, in der Ford Open-Wheel Formula. Siege ließen nicht lange auf sich warten. Bald starteten Vater und Sohn zusammen auf einem Porsche 935 K3 und gewannen 1980 im Lime Rock Park zusammen ihr erstes IMSA GT-Rennen. Im selben Jahr belegten sie beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans den neunten Gesamtrang. John Paul jr. war da gerademal 20 Jahre alt und galt als vielversprechendes Talent.


1981 stellte er den Porsche 935 seines Vaters bei den IMSA-Rennen neun Mal auf die Pole Position. In allen 18 Rennen der Saison hatte er geführt. Doch durch seine Unerfahrenheit, vielleicht auch durch jugendlichen Überschwang, strauchelten die Paul´s immer wieder und gewannen nur zwei IMSA-Rennen. In Europa wurde John Paul jr. zum ersten Mal wahrgenommen, als er einer Einladung von Ford und Zakspeed folgte und beim Geldrennen auf dem Norisring im Mustang GTX den Zweiten Platz belegte.


Ein Jahr später hatte das JLP-Racing Team die schnellsten Autos im IMSA-Feld. Zum Porsche 935 kam noch ein Lola T600 Chevrolet hinzu. John Paul jr. hatte aus seinen Fehlern gelernt. Zusammen gewannen Vater und Sohn Paul fünf Rennen, darunter die beiden Langstreckenklassiker in Daytona und Sebring. Alleine gewann John Paul jr. zusätzlich neun von 18 Rennen im Porsche 935. Er wurde 1982 der bis dato jüngste IMSA GT-Champion. Fünf Monate später war sein Vater auf der Flucht.

Mit dem Gesetz in Konflikt kamen die Pauls erstmals 1979, sechs Monate nachdem der Vater seinen Sohn zu sich genommen hatte. In einer Bucht in Lousiana wurden John Paul jr. und Christopher Schill beim Verladen von Paketen auf einen Pick-Up-Truck kontrolliert. Bei der Befragung rochen die Beamten Marihuana. Sein Vater John Paul sr. wurde kurze Zeit später auf seinem Segelboot „Lady Royale“ festgenommen, wo man Marihuana und 10 000 US Dollar in bar fand. Zusätzlich wurde ein gemieteter LKW mit 710 kg Marihuana konfisziert. John Paul sr. hatte ihn unter dem falschen Namen „John Davis“ gemietet. Alle drei bekannten sich vor Gericht schuldig und bekamen eine dreijährige Bewährungsstrafe sowie jeweils eine Geldstrafe von 32 500 US Dollar. In den Fahrerlagern kursierten fortan diverse Gerüchte über die Pauls. So richtig ans Licht kam der Vorfall aber erst, als der Journalist Steve Potter im Mai 1983 in der Zeitschrift „Autoweek“ darüber berichtet hatte.

1983 wurde John Paul sr. auch wegen versuchten Mordes gesucht. Das Opfer Stephan Carson, ein V-Mann der Polizei, hatte über einen Komplizen ausgesagt und Hinweise auf kommende Schmuggelaktionen gegeben. Im Gegenzug wurde ihm bei Drogengeschäften Immunität zugesichert. Drei Monate später wurde ihm am 19. Mai in Brust, Bein und Bauch geschossen, nachdem er bei Crescent Beach in der Nacht mit seinem Boot angelegt hatte. Carson behauptete gegenüber der Polizei, dass John Paul sr. ihm aufgelauert und fünf Mal auf ihn geschossen habe. Vor Gericht plädierte John Paul sr. auf „nicht schuldig“ und verweigerte die Aussage über seine Aufenthaltsorte in den vergangenen Monaten. Gegen eine Kaution von 500 000 US Dollar wurde er auf Bewährung freigelassen und trat seine Inhaftierung, die auf den 12. Dezember angesetzt war, – wen wundert´s – nicht an. Bis Januar 1985 war er untergetaucht, bis er in Genf von der Polizei gefasst wurde. Den entscheidenden Hinweis bekam die Polizei von einer Prostituierten. In der Schweiz hatte er unter falschem Namen mehrere Konten, auf denen umgerechnet ca. 100 Millionen US Dollar eingezahlt waren. Zudem hatte er einen falschen Pass bei der Einreise benutzt, weshalb er in der Schweiz, unmittelbar nachdem er gefasst worden war, für sechs Monate inhaftiert wurde.

Während der Flucht kam auch das FBI in Florida mit den Ermittlungen um John Paul sr. immer weiter. Gegen ihn wurde Anklage erhoben wegen versuchten Mordes, Entführung, Bestechung und Erpressung. Die Ermittler fanden heraus, dass John Paul sr. der Organisator eines Drogenrings war. Zwischen 1975 und 1983 wurden 90 Tonnen Marihuana von Kolumbien über die Bahamas in die USA geschmuggelt. Angeblich wurde eine nicht unerhebliche Anzahl von Schiffen, Krabbenkutter, Schlepper, LKWs und Lagerhallen dazu verwendet. Nach 1982 nutzte der Schmugglerring von John Paul sr. nicht mehr die sogenannte „Kolumbia-Route“. Der Transport war zu gefährlich. Über Staatsgrenzen sollte zukünftig nicht mehr geschmuggelt werden. Die Ermittler entdeckten 20 Meter unter einer großen Farm in Georgia eine 8000m² große Halle. Für ca. 150 000 US Dollar hatte John Paul sr. Stahlträger angeschafft, 30 000 US Dollar hatten ihn die Wärmelampen gekostet und der Generator schlug laut Polizei mit ca. 50 000 US Dollar zu Buche. Seine unterirdische Plantage kam jedoch nicht mehr zum Einsatz.


Den entscheidenden Hinweis bekam die Polizei in der Schweiz im Januar 1985 von einer Prostituierten, mit der er sich … naja… . Im März 1986 wurde John Paul sr. in die USA überführt. Bei der Anhörung vor dem Gericht bekannte er sich als „schuldig“ und wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt. Bis zu seiner Begnadigung 1999 verbüßte er seine Strafe im Gefängnis in Leavenworth.


Neben dem Drogenschmuggel und den damit verbundenen Gewaltverbrechen erscheint John Paul sr. auch durch zwei weitere Fälle in äußerst zweifelhaftem Licht. 1978 verliebte sich die Stewardess Chalice Alford in ihn. Sie ließ sich vom rastlosen Luxusleben in Fünf-Sterne-Hotels, mit teuren Limousinen und dem Abenteuer Rennsport beeindrucken. 1980 heirateten sie nach dem IMSA-Rennen in Lime Rock. Die Ehe ging schnell in die Brüche, als Chalice 1981 beim 24h-Rennen in Le Mans ihren Mann „in flagranti“ mit einer anderen Frau erwischte. Ein Kurzurlaub auf Key West sollte die Versöhnung bringen. Chalice Paul wurde 1981 zuletzt auf Key West gesehen und ist seitdem spurlos verschwunden. Ihre damalige Freundin Lisa Collomb hat heute eine einfache Antwort auf die Frage „Warum?“ „She knew to much!“. John Paul sr. gab sich unwissend und ihm konnte nichts nachgewiesen werden.


Kurz nach seiner Freilassung im Jahr 1999 tauchten wieder dubiose Gerüchte auf. Zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin Colleen Wood wollte er die Welt umsegeln. Im Dezember 2000 wurde auch sie das letzte Mal in Key West gesehen. Wusste auch sie zu viel? Das „Warum“ ist in beiden Fällen bis heute ungeklärt. Seit 2001 ist John Paul sr. untergetaucht. Es wird vermutet, dass er sich in Asien aufhält. Gesehen wurde er angeblich auf den Fidschi-Inseln und in Thailand. Andere behaupten, er würde unter falschem Namen in Amsterdam leben. Es kursiert das Gerücht von mehreren Gesichtsoperationen. Angeblich soll er mehr als fünf Pässe mit unterschiedlichen Identitäten haben. Seinen Ruf als Schwerverbrecher hat John Paul sr. seit Jahren fest untermauert.

Auch sein Sohn John Paul jr. wurde 1986 zu einer Haft von fünf Jahren verurteilt, da er sich am Drogenring seines Vaters beteiligt hatte oder in den Augen von einigen beteiligen musste. Als er angeklagt wurde, setzten sich einige Rennfahrer für John Paul jr. ein und schrieben sogar Briefe an die Justizbehörden. Woher kam damals dieser Rückhalt? John Paul jr. war in seinem Wesen quasi das absolute Gegenteil zu seinem Vater – ruhig, manierlich, zuvorkommend und gewissenhaft. Das brachte ihn allerdings immer wieder in Konflikt mit seinem Vater. Die Konflikte gingen phasenweise so weit, dass der Vater seinen Sohn aus dem eigenen Team werfen wollte. Er tat es nicht, denn John Paul sr. Wusste, was er an seinem Sohn hatte – dieser war extrem schnell. Für seine Rennfahrerkollegen war damals klar: Er wurde gezwungen, den Drogenschmuggel mit umzusetzen.

Weil das Gericht ihn als „Mitläufer“ bezeichnet hatte, verbrachte er seine Strafe in einem Minimum-Sicherheitsgefängnis. Im Oktober 1989 wurde er vorzeitig entlassen, weil er Informationen über seinen Vater preisgab, die er beim Gerichtsprozess drei Jahre zuvor verweigert hatte. Seine Rennkarriere konnte er danach fortsetzen. Von 1990 bis 1994 startete er regelmäßig in der Indycar-Serie und bei den 500 Meilen von Indianapolis. Anschließend konzentrierte er sich wieder auf Sportwagen und GT-Rennen. 2001 sollte er in einer Chevrolet Corvette beim 24-Stunden-Rennen in Daytona starten. John Paul jr. stellte fest, dass er seine Beine und Arme nicht mehr so koordinieren konnte. Die Diagnose hieß „Huntington-Krankheit“. Eine erbliche, bisher nicht heilbare Krankheit, bei der Teile des Gehirns fortschreitend zerstört werden. Der Verlust mentaler Grundfunktionen und seiner Muskelsteuerung schritt fort und das bedeutete das Ende seiner Rennkarriere. Aktuell lebt er in Süd-Kalifornien, hat eine Stiftung gegründet und versucht, sich als Betroffener für die Erforschung dieser Krankheit einzusetzen.

Alle drei Fälle zeichnen sich durch mehrere Gemeinsamkeiten aus. Lanier, Paul sr. und die Whittington-Brüder wickelten ihre Drogengeschäfte meist über die Staaten am Golf von Mexiko ab. Florida stellte so etwas wie das Einfallstor für den Drogenhandel dar. Mitte der 70er Jahre kamen Lanier, Paul sr. und die Whittington-Brüder zum ersten Mal mit dem illegalen Handel in Verbindung. In dieser Zeit wurde in den USA intensiv über eine Legalisierung von Marihuana gestritten. Viele wollten bei einer Legalisierung das große Geld machen und bauten sich vorher ihre Infrastruktur und Verbindungen auf. Ihre Hoffnung auf Legalisierung zerschlug sich, nachdem der Senat dagegen gestimmt hatte. Das große Geld machten sie trotzdem und gaben es für den Motorsport in großem Maße wieder aus.


Unter US-Präsident Ronald Reagan änderten sich die Verhältnisse. Die paradiesischen Zeiten für Schmuggler neigten sich ab 1984 dem Ende entgegen. Zwangsläufig endeten für John Paul sr., seinen Sohn, Randy Lanier und die Whittington-Brüder deren Aktivitäten im Motorsport, nachdem das FBI ihnen auf die Schliche gekommen war. Die IMSA konnte sich von dem abschätzigen Titel „Int. Marihuana Smugglers Association“ wieder lösen. Sportwagenrennen allererster Güte in Stadtschluchten und auf amerikanischen Naturrennstrecken rückten die IMSA wieder in das rechte Licht.


Artikel von www.curbs.de/curbs